LUCIDA CONSOLE

Lucida Console ist ein Translatorium Maximum aus tausend Sprachen und Redeweisen, die über Anführungszeichen miteinander verbunden sind. Immer wiederkehrende Themenfiguren bevölkern das Gespräch. Dieses weist eine lipogrammatische Struktur auf, d.h. es entwickelt sich um eine Leerstelle herum, ein Ort, an dem der Austausch von Rede stattfinden kann. Dieser Austausch ist angewiesen auf Übersetzung. Der Übersetzungsvorgang greift auf die strukturelle Leerstelle als operative Basis zurück.

Der Verlauf des Gesprächs zwischen den beteiligten Sprechpositionen erfolgt nach den Grundsätzen des freien Redemarkts, wobei die Sprecher und Sprecherinnen innerhalb des Haupttextes (leuchtmarkerfarben) anonym bleiben, außerhalb dessen aber im Sprecherverzeichnis (Fußnotentext, weiß) transparent gemacht sind. So ist eine sowohl romantische wie auch archäologische Lektüre möglich.

Die Moderautorität zieht einen roten Faden (Vektor in Fabula) und beschildert das Gelände mit Zeichen aus der logocloud (s. Cover), die sich im Laufe der Lektüre mit  Bedeutung vollsaugen und so den Translationssprung von Rede zu Folgerede erleichtern sollen.

Switch & hop!

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For Word

 

Lucida Console ist der Name der Schrift, in der der folgende Text geschrieben steht. Der Text setzt sich aus Bausteinen unterschiedlicher Literatur, unterschiedlicher Sprachen und Redeweisen, unterschiedlicher zeitlicher und räumlicher Herkunft zusammen. Die Schwerpunktwahl des Materials spiegelt die diskursive Verortung der Autorin wider. Die Quellen wurden über den Kopiervorgang hinaus nicht weiter manipuliert; allerdings werden manche Stellen besonders betont (Fettdruck).

Der Verlauf des Gesprächs zwischen den beteiligten Sprechpositionen erfolgt nach den Grundsätzen des freien Redemarkts, wobei die Sprecher und Sprecherinnen innerhalb des Haupttextes anonym bleiben, außerhalb dessen aber im Sprecherverzeichnis (Fußnotentext) transparent gemacht sind. Die Moderautorität zieht den roten Faden (“Vektor in Fabula“).

Das Gespräch weist eine lipogrammatische Struktur auf, d.h. es entwickelt sich um eine Leerstelle herum, nicht um ein gemeinsames Thema oder Programm. Die Leerstelle bezeichnet einen neutralen Ort, an dem der Austausch von Rede stattfinden kann. Dieser Austausch ist angewiesen auf Übersetzung. Der Übersetzungsvorgang greift auf die strukturelle Leerstelle als operative Basis zurück.

Die Protagonisten des Gesprächs sind einige wenige Themenfiguren, die in veränderter Gestalt immer wiederkehren und mit sporadischen Zurufen aus einer sehr heterogenen Menge, dem unberechenbaren Publikum, bedacht werden. Oft verläuft sich das Gespräch ins Leere oder es nimmt Polemik überhand. Oft sieht sich das Gespräch mit Gesprächsverweigerung konfrontiert.

Auch diese ist schon eine bekannte Figur. Immer wieder wird über die Form des Gesprächs diskutiert (eine weitere Protagonistin) und über die Rolle derjenigen, die nicht daran teilnehmen (eine weitere).

Über dem Gelage liegt ein Hauch von Utopie, Ironie und eine Art von Schmäh, die nicht immer geschätzt wird. Da irgendwann die Ressourcen versiegt sind, hat das Gespräch ein Ende gefunden (bei Sonnenaufgang, wo üblicherweise ein neuer Sprechtag beginnt).

 

 

Auszug 1: Lucida Console (cum riots), S. 39 – 59, > > > hier (pdf) oder > > > hier (html)

Auszug 2: Lucida Console (cum Endlicher), S. 223 – 225 und 243 – 246, vgl. > > > Gott Alfabet und sein Knecht Endlicher

Auszug 3: Lucida Console "Horror vacui", S. 176-180 + 197, abgedruckt im Heft "Schreibkraft" Nr. 31, 2017, S. 36-38.

Auszug 4: Lucida Console "Vorband für die Wunde Welt", S. 51-54, 168-170, 197, Kollektivlesung mit Neonstreiferl im WUK, 3.5.2018.

Auszug 5: Mini Console , S. 46 – 59:

 

Lucida Console    

 

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Dank an:

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After Word

-  Und was ist das Thema?

-  Kein Thema, aber ein Titel: Lucida Console.

-  Soll das ein Witz sein?

-  Auch.

 

 

Gegeben sei ein Text, z.B. ein in besonderem Maß regelgebundener, 40 Jahre alter Text, ein Prototypentext: La Disparition. Georges Perec (1936-1982) schrieb dieses Sonderexemplar eines oulipotischen Textes 1969, mitten in der Hochzeit der Poststruktur, ein Text „au goût du jour“347. Der Text mäandert um eine Leerstelle herum, die er umschleicht, wie das goldene Kalb: das goldene e. Perec hat es sich zur Aufgabe gemacht (genau so, als gäbe es sonst keine Aufgaben, die es zu bewältigen gälte), einen waschechten, hieb- und stichfesten, ja sogar als Krimi verkaufbaren Roman zu verfertigen, der aus einem Manko ein Argument macht: er verwendet im Laufe der 300 Seiten kein einziges Wort, das mit dem Makel des e geschlagen ist: es kommt ohne den in der französischen Sprache häufigsten Buchstaben aus und tut dabei so, als wäre es ein Leichtes, ein Kinderspiel aus dem Sprachbastelbuch, Abschnitt Contrainte & Clinamen, oder: Selbstfesselung & Selbstentfesselung. Jeder einzelne Satz verlacht den einfachen Weg, man fühlt sich wie im Zirkus, Artisten, Tiere, Attraktionen jonglieren vor dem sprachlichen Auge mit dem Restwortschatz herum, als gälte es das Lipogramm als höchste der Kunstsportarten zu etablieren. Warum einfach, wenn es auch kompliziert und noch komplizierter geht? > > >

1986 erschien eine deutsche Übersetzung unter dem Titel Anton Voyls Fortgang bei zweitausendeins. Perecs Haus- und Hofübersetzer Eugen Helmlé (1927-2000), zog sich das „Zwangswams“362 über und legte los: Interessant sind die Unterschiede zwischen einer Übersetzungsprobe von 1977 und der 1986 publizierten Übersetzung: war die Herangehensweise in der ersten Fassung noch zögerlich und „uninspiriert“ so steht uns in der Letztfassung ein selbstbewusster Helmlé gegenüber, der bei den „unmöglichen“ Stellen, die ihn 9 Jahre vorher zum kleinlauten Rückzug (sprich: Kürzung) bewogen haben, nun seine deutsche Posaune auspackt und lauthals mit richtig falschen Tönen zum Gefecht bläst: gegen die glatte Rede, gegen den richtigen Ton, gegen die falsch verstandene Loyalität – unter verschärften Arbeitsbedingungen: nicht nur darf kein e gespielt werden, auch die schwarzen Tasten wurden gestrichen. Diese Bedingungen führen zum > > >

Bruch: mit dem Ausgangstext und zwar genau so, wie es der Ausgangstext, aka Original, selbst verlangt: das gewählte lipogrammatische Prinzip bewirkt eine bestimmte Art sprachlicher Normalitätsverweigerung, das darübergelegte Prinzip „Übersetzung“ interferiert mit der lipogrammatischen Folie und produziert so ein irritierendes Muster, das fasziniert und abstößt zugleich. Übersetzung als Technik des Oulipo, der Werkstatt für potentielle Literatur, ist nicht neu, neu wäre die Anwendung von Oulipo (z.B. „Übersetzung“) auf Oulipo („Original“) selbst. Also ein Experiment mit einem Experiment. Kann das gut gehen? Oder kann das Experiment nur gedeihen im Umfeld der Konvention? Wieviel Respektsabstand braucht z.B. Oulipo? Am Beispiel der Wandlung des „Loyalitätsverständnisses“ von Helmlé im Laufe seiner Beschäftigung mit dem Beispielstext, von der inhaltlich ausgerichteten „Nacherzählung“ (Zwang als Übel) hin zur offensiven Unterwerfung unter die Methode (Zwang als Kreativitätsinstrument), lässt sich feststellen: Der Schritt des Übersetzers aus der Defensive bedeutet für den Text einen > > >

Gewinn. Der äußert sich in den besten Fällen in (selbstreflexivem) Witz, in anderen Fällen in Holprigkeit und Misseton, welche aber immerhin als Verweiser fungieren – auf die Bedingungen der Textproduktion, was beim unauffällig Umschiffen der translatorischen wie methodischen Herausforderungen sang- und klanglos unterginge. Kein Gewinn ohne Verlust – verloren wird  in dieser Übersetzung also genau das, was auch der Ausgangstext schon über Bord geworfen hat: die Kontrolle. Beide Texte, Ausgangs- wie Zieltext, geben ihr Steuerungsinstrument aus der Hand, Text 1 gibt ab an die Methode, Text 2 gibt ab an Methode und an Text 1, wodurch der Kurs naturgemäß an Zacken gewinnt; („kurvenreich“ wäre dabei eine allzu abrundende Bezeichnung für das Ergebnis - ). Gewonnen werden weiters halluzinogene Formulierungen, akrobatische Zeitverhältnisse, absurdes Vokabular, das aus zeitlich wie räumlich großer Entfernung herbeigetragen wurde, um der Sache zu dienen – welcher Sache? > > >

Ziel & Zweck potentieller Literatur ist wohl das Aufzeigen der Möglichkeit ihrer selbst. Jeder Text ist der Beweis seiner eigenen Möglichkeit – n.m.&.n.w. – so wie auch jede Übersetzung zugleich der Beweis für die Möglichkeit der Übersetzung im Allgemeinen und Speziellen ist. Möglich sind dabei natürlich auch andere Lösungen, jedem Zweck seine Lösung. Manchmal mag eine Lösung / eine Übersetzung ihren Zweck verfehlen, in diesem Fall spricht man von „schlechter Übersetzung“ und fügt tausend Beispiele an. Im Umgang mit potentieller Literatur empfiehlt sich eine analoge Behandlung der Folgeprodukte: als ein Text von vielen, als Variante, als Transformation des Ausgangstextes, von dem viele Wege ihren Ausgang nehmen und sich einschreiben in den vom Ausgangs-Text aufgemachten Diskurs ... welcher wiederum Teil einer Kette, welche wiederum Teil eines Netzes, welches wiederum Teil eines Geflechtes von Texten, Diskursen, Kulturen ist. > > >

Dieses Gewebe ist der Stoff, aus dem der vorangegangene Text besteht. Ein Wort gibt das andere, ein Faden fädelt den nächsten ein, ein Anführungszeichen gibt dem nächsten die Hand, gibt den Redestab weiter – ein Staffellauf. Rede und Folgerede berühren sich also in mindestens einem Punkt, einem Bild, einem Begriff. Nicht immer ist dieser Übergang offensichtlich, manchmal scheint er unauffindbar. In jedem Fall aber muss, um von einer Rede zur anderen zu gelangen, eine Translationsebene eingezogen werden. Auf dieser Ebene begegnen einander Vorredner und Nachrednerin, Fuchs & Hase, Mann & Maus, Text & Metatext, Disziplinen, Redeweisen35, Sprachen aus jung & alt & nah & fern. Wie kommunizieren sie aber miteinander? > > >

Über uns. Während der Lektüre sehen wir uns mit der Aufgabe konfroniert, zwischen Rede und Folgerede eine Beziehung herzustellen. Der Staffellauf der Rede, dem wir assistieren, verlangt unsere Mitarbeit. Wie können wir den „Spalt zwischen den Panels“553 überbrücken, überspringen? Hier sind unsere Translationsmuskeln gefragt. Zwischen Rede und Rede ist ein Sprung zu machen, ein Translationssprung. Übung macht den Meister, jeder Sprung dient dem Aufbau der translatorischen Muskelmasse und bald schon hüpft es sich quer durch das Redegelände­ – Moment mal: wer hüpft? Wir alle. Während wir von Rede 1 zu Rede 2 „hüpfen“, verrichten wir Arbeit. Diese Arbeit steht nicht auf Papier, ist deswegen aber nicht weniger geleistet worden. Ein erstes Mal beim Benachbarn von Rede 1 mit Rede 2, ein, zwei und hoffentlich viele weitere Male beim wiederholten Besuch des Geländes. Im Verlauf dieses Besuchs wird also Arbeit nicht vorgeführt, sondern es darf live geschuftet werden. Der Boden ist bereitet, die Weichen sind gestellt. > > >

Dieses Panoptikum der Redeweisen entpuppt sich also als Kraftkammer der Translation. Kaum wurde eine Redebühne aufgebaut, schon muss wieder eine Translationsebene eingezogen werden, um den „fliegenden Wechsel“ zur nächsten Rednerbühne zu bewerkstelligen. Und was redet der Kollege da? Schon wieder Französisch? Oder etwa Soziologie? Hier wird deutlich: sowohl zum Aufbau der Translationsebenen, wie zum Abbau von Sprachbarrieren ist translatorische Fachkraft vonnöten. Was von vielerlei Hand errichtet wurde, kann von ebensovielerlei Hand auch wieder abgetragen / ausgebaut werden. Ein niederschwelliges Übungsgelände bietet der Playground > > >

Lucida Console: Gestützt auf ihren Redestab, gehüllt in ihre Logocloud, hantelt sich Lucida Console an mehreren Themenfeldern mit Haltegriffen an den Wänden entlang, switcht durch die Gesprächsraumzeit27 und scheut die leere Mitte, denn die ist Programm – Liprogramm: Bitte die Leerstelle freihalten steht deutlich sichtbar am Eingang zum > > >

Translatorium Maximum, und: Worüber man hier sprechen kann, das kann man ebensogut auch zeigen.

 

 

 

Die hochgestellten Verweisnummern verlinken zu den entsprechenden Passagen im Haupttext.

 

 

 

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Kollektive Lesungen:

  • Uni Wien, 2009

  • PAF, Performance Art Forum, St. Erme, Frankreich, 2014

  • Riots im Gläsernen Käfig, textlicht, fluc, Wien, 29.2.2016

  • Vorband für die Wunde Welt , WUK performing arts, 3.5.2018

 

riots trio

riots im trio, Lesung im Wiener fluc mit Lese-Gästen aus dem Publikum, anlässlich der Buchpräsentation von "Riots im gläsernen Käfig / Anarchistische Gegenentwürfe / Zwischen Panzern und Piraten", hg von Robert Prosser, erschienen in der Edition Aramo, reihe unter druck, Wien 2015. (Fotos: Christoph Sulyok)