69 www

Michael Endlicher: Dramenbleche 2005 ff.

 

Durch Buchstabenkunst wird uns im Leben

Viel Nutzen an die Hand gegeben.

Ja, gar ein Stab zu Gottes Thron. [1]

 

A)  Gott4 Alfabet7 und3 sein4 Knecht6 Endlicher9    =  33

Der umfassend unendliche Herrgott Allah Faber, kurz: Gott Alfabet spricht zu uns trŠger Masse in Bildern/Wšrtern/RŠtseln und zwingt uns seine Lettern auf: aufs Maul nŠmlich fšrmlich wšrtlich und buchstŠblich: Buch fŸr Buch, Stab fŸr Stab bewandern wir, mŠandern wir und schlagen uns durch wŸste LŠndereien, unendliche Litaneien, die ein StŸck des Weges mit uns gehen. Wie? Was? (ItÕs the poetry, stupid!)

Der Herrgott schickt uns seinen Knecht, Knecht Endlicher, der uns fŸttert mit zarten Lettern in dichter Folge, abgezählt und aufgelistet, Rosarien, Abecedarien, wohlsortierte Ware mit meditardierendem Moment, auf dass wir stets mit ãoffNM munD dM manna dS himmLs NtGgNsehNd vorwŠrtsGhN, LMNt vRbindNd dR reD dreh findNd, am ND Ndlich lobNd dN hRn und seinN knecht NdlichR, amN.Ò

Nicht nur wird stupide stupende Dichtung in die weite Welt gesetzt, auch an die wei§e Wand wird sie genagelt und in Farbe ŸberfŸhrt. ãUnd das Wort ist fleischfarben geworden und hat Ÿber uns gethront.Ò Konzepte werden so empfangen und stante pede aufgehŠngt, aus der Wiege an den Nagel, aus dem Leben an die Wand – jšssas, herrjeh.

 

Die Natur ist sein grosses Buch daraus er die Gleichheit und Ungleichheit aller Sachen suchet und findet, reimet und bindet. Seine Feder ist die Quelle, daraus leichte Reimen FlŸssen, sie kann das Papier begiessen mit der Wšrter Krafft und Safft, der den Hertzen Freude schafft.[2]

Als ich darŸber nachzudenken begonnen hatte, was mich am Anagrammgedicht anzog, merkte ich, es war die Gleichheit der Zeilen, die mir gefiel. Im Anagrammgedicht setzt sich jede Zeile aus genau den gleichen Buchstaben zusammen, und doch sind alle Zeilen verschieden.[3]

I am trying to be as commonplace as I can be she used to say to me. [4]
Und gerade weil die Differenz von ihrem Wesen her ein Multiplikator von Gleichheit ist, arbeite ich fast ausschlie§lich mit Zitaten (darunter ein paar Selbstzitate). [5]
Fettl, Zettel, Hirsch Allein, Deringer, Dšrner, …sterreicher, Lendtner, Deurer, Ernst Heldentum, Mir, Mich, Deiner, Mein, Dich, Lšschl, HAuer, Uridil,[6]

Damit wird das Eingreifen der SubjektivitŠt auf ein striktes Minimum beschrŠnkt, was mir vom poetischen Gesichtspunkt die gŸnstigste Voraussetzung zu sein scheint.[7]

das Anagramm, dein geisticht

arme Magd sagt an: dein Ich ist

ein Gramm Dichtang.[8]

Pome timbrŽ nenne ich das Resultat mšglichst vielfŠltiger Sprachentnahmen, sortiert nach ihrem Buchstabengewicht.[9]

6.121     [...] Diese Methode kšnnte man auch eine Nullmethode nennen.[10]

219/*

die Geschichte ist ent-G-t

aufÕm Gegenufer des Kanals

irren Dunstschwaden

er fand niemals, an keinem Tag

Fisch im Wasser (oder: H2O)

nichts und niemand war da

die Sprache geht ans Werk [11]

* /Dieses Gedicht ist auch im Deutschen auf 219 gewichtet, die anderen sind unberŸcksichtigt [sic] ihres Gewichts Ÿbertragen: deshalb steht dort die Ma§zahl in Klammer (A.d.†.)/ [12]

Solche gleichzahlige Namen und SprŸche verursachen zu eigentlichen Erfindungen / und sind in den Philosophischen und Mathematischen Erquickstunden zu sehen.[13]

(437)
ich beziffere die Wšrter nach einem einfachen Prinzip
was haben Sie neues veršffentlicht?
die erneute …ffnung der lyrischen WasserhŠhne
geriffelte Splinte mit stetigen Riefen
das GrŸn von tausend Jahren verstŠrkt sich durch den Schnee
Constable malt Wolken, Regen und Wind [14]

Ich beziffere die Wšrter nach dem einfachen Prinzip A = 1, B = 2, C = 3, usw. [15]

Wann ich nun einen Namen habe / so finde ich einen Spruch / der mit denselben / gleiche Zahlen fŸhret.
Jesus ist Christus                     218
                          bringet
Unser Helffer und Heile                218 [16]
Ich wiege die Wšrter und die SŠtze, indem ich das Gewicht ihrer Lettern addiere.[17]
6.121 [...] Im logischen Satz werden SŠtze miteinander ins Gleichgewicht gebracht und der Zustand des Gleichgewichts zeigt dann an, wie diese SŠtze logisch beschaffen sein mŸssen.[18]
Alle Verse eines Pome timbrŽ bringen das gleiche Gewicht auf die Waage, alle sind nach Ma§gabe der gleichen Ziffer angeordnet.[19]
6.122         Daraus ergibt sich, da§ wir auch ohne die logischen SŠtze auskommen kšnnen, da wir ja in einer entsprechenden Notation die formalen Eigenschaften der SŠtze durch das blo§e Ansehen dieser SŠtze erkennen kšnnen.[20]
TRAINBLEUSO
NBUTSOLAIRE
BLUETRAINSO
LAURITESOBN
UBILANT
 
Blue Train
(son but solaire)
Blue Train
Sol au rite sÕobnubilant.[21]
und da§ darauf zu achten ist, da§ nicht das Denken auf eine Weise durch das ãSystem verbaler ZeichenÒ gesteuert ãwirdÒ, da§ es sozusagen beginnt ãvorbeisteuernÒ an Inhalten, wie sie von Wirklichkeiten vielfŠltigst zum ãEntstehen wie Werden, VergehenÒ hinbewegt werden [22]
TOBREVIERSCHREIVERBOT [23]
sch: 1. ruhig!, still! [24]
Schar|nier|ge|lenk, das; -[e]s, -e (Anat.): Gelenk (a), das Bewegungen nur um eine Achse zulŠsst. [25]
Rotation um die Ich-Achse [26]
DOGMA I AM GOD [27]
 

 

E)  Knecht6 Alfabet7 und3 sein4 Gott4 Endlicher9  =  33

Endlicher ist der der ist u. n. v. a. m.[1]

Endlicher ist der da ist u. n. v. a. m.[2]

Endlicher ist der der zŠhlt 2 3 4[3]

Endlicher ist der erzŠhlt 2 3 4[4]

Der Endliche und der Unendliche tauschen Platz: Endlicher gibt an und ab – an Buch & Stabe, (fauler Knabe), an Wort und Zahl (Qual der Wahl) und ab die Post (prost!) Die Post-konzeptuelle Kutschenfahrt fŸhrt spritzend und mit Fritzelacke durch Schlamm und Farbe an die Wand: NNNNNNNJAOOOO[5] – jšssas, herrjeh.

Der Kutscherherrgott Endlicher fŠhrt die Karosserie voran und spricht sich und dem der die da kommen mšge Mut und Ruhe zu: Ich bin der ich bin – ruhig Blut![6] Du bist der du bist – nur zu![7] usw. usf. Um die MESSAGE69 zu verstŠrken, wird sie monochromatisch versilbert, automagisch verspiegelt und von kŸnstlicher Hand in nackte Bleche einmassiert, aus dem Kšrper ausgesto§en, in den €ther transferiert um in All und WWW69 fŸr Ruhe, WEALTH69, Gesundheit[8] sowie Kunst[9] zu sorgen.

Buchstapler Endlicher zŠhlt sein Inventar: A, B, C, D, E wie Endlicher und stapelt A, B, C, D, E, F, G, H, I, J, K zu Kunst, KUNST85 wird zu SCHICKSAL85, dessen URTEIL85 wiederum hei§t: KUNST85. Wie kommst du da je je je je wieder gesund und lebend raus, Endlicher, fragt nun Knecht Herrgott Alfabet Endlicher – da antwortet A.E. mit fester Stimme:

Gesundheit ist eine Frage des Willens.
Ich bin ganz ruhig.

I am Joseph Kyselak.

 

Ich bin um Lichtjahre gesŸnder als der Mensch von der Stra§e.
Ich atme leicht und ruhig.

I am Brigitta Falkner.

 

Meine Werte sind durch die Blutbank exzellent.
Ich denke leicht und smart.

I am John Zorn.

 

Ich ŸberprŸfe sie viermal im Jahr.
Ich rechne leicht und richtig.
I am Johann Bergl.


Durchuntersuchen statt Kreuzfahrt buchen!
Ich spreche laut und deutlich.
I am Christo and Jeanne-Claude.

Ich halte mich immer zurŸck.
Ich verdaue laut und grŸndlich.

I am Graham Gillmore.

 

Ich trinke nicht.
Ich spiele gern und erfolgreich.

I am August Walla.

Ich rauche nicht.
Ich kann und will es nicht lassen.
I am Otomo Yoshihide.

 

Ich esse kein Fleisch.

Ich kann meinen €rger fŸr mich behalten.

I am Wolf Erlbruch.


SŸ§es kann mich nicht verfŸhren.

Ich lasse mich nicht von Bildern einschŸchtern.

I am David Carson.

 

Ich esse Grundnahrungsmittel von Bauern meines Vertrauens, ich esse selbst Gezogenes oder ich esse – nicht.

Ich vertraue dem Wort.

I am Pablo Picasso.

 

Ich bin gesund. Ich bin total gesund. Ich bin so gesund, dass es andere krank macht.

Ich vertraue niemandem.

I am Bruce Nauman.


Mein Herz ist austrainiert.[10]

Ich bin ganz ruhig. [11]

I am Oskar Werner. [12]

 

Na dann, kann dir ja nichts passieren, sprach der Unendliche zu seinem nackten, doch wortgewandten Knecht: du bist ein gro§er KŸnstler! Danke, sprach darauf der Endliche, ich tue mein Bestes. Was sage ich, ein gro§er – ein zeitloser![13] Und ein plurifakter noch dazu![14]

 

Herr Ober-Narrator, Sie gelten hierzulande als Pionier, denn Sie haben als erster die Textproduktion radikal auf Recycling umgestellt. ErfŸllt es Sie mit Stolz, da§ Ihr Beispiel vielfach Schule macht?

FŸr mich steht im Zentrum eine wertorientierte Textpolitik.[28]

Was will man uns hier weismachen? [29]

Alles nur zum Wohle der Leser, versteht sich.

tongue tongue verlŠngert nicht die Arbeit des Lesers ohne seinen Lohn zu erhšhen.[30]

Die aktive Rolle des Leser-Betrachters bzw. des Diskurses Ÿberspitzte BB vor einigen Jahren in einem seiner ãAction teachingsÒ. Er lie§ dem Publikum an der Kasse šS 30.- ausbezahlen, nicht nur um auf dessen fundamentale Rolle als Rezipient/inn/en und auf den Rezeptionsproze§ als Arbeit zu verweisen, sondern [31]

Was zŠhlt, ist der methodische und Šsthetische Mehrwert und, vielleicht noch wichtiger, die Perspektive fŸr einen Ÿberdurchschnittlichen Erkenntnisgewinn in der Zukunft.[32]

Der Lesende ist jederzeit bereit, ein Schreibender zu werden. Als SachverstŠndiger, der er wohl oder Ÿbel in einem Šu§erst spezialisierten Arbeitsproze§ werden mu§te – sei es auch nur als SachverstŠndiger einer geringeren Verrichtung -, gewinnt er einen Zugang zur Autorenschaft.[33]

das UNSCHULDSLAMM [34]  

Prof en cours particuliers, guichetier ˆ la banque, serveur chez McDo, standardiste et rŽceptionniste dans une clinique privŽe, stagiaire dans la communication, journaliste pendant mon service militaire;[35]

das LullusÕ Ars Magna las ... [36]

Mšnche und Nonnen in mittelalterlichen Klšstern unterwarfen sich in masochistischer Nachahmung der Leiden Christi als ãKnechte GottesÒ einer Zucht und Ordnung, deren Askese und deren strenge Tageseinteilung [37]

Tag um Tag, Punkt acht Uhr das Buch zuschlug [38]

vielfach als VorlŠufer spŠterer Fabriksdisziplin [39]

... zur Nahrungszufuhr antrat, Dagmars Hausmannsfra§ a§,[40]

und einer abstrakten ãbetriebswirtschaftlichenÒ Zeitrechnung beschrieben worden sind.[41]

Poesie offenbart sich in einem solchen Kontext als Chance. [42]

poieio I) 1) zustande bringen, veranlassen im weitesten Sinne, machen, stiften, veranstalten, leisten usf. Bes. ¡ a) opfern ¡ b) dichten [43]

Nach Jahr und Tag wiederholen sich die wŠhrenden Kalender im Terminus, tausendgelŠufig und gegenlŠufig entfernt um einen Tag. Bis zum Ende meiner Tage fehlte noch ein volles Leben zum ganzen.[44]

3) tun, handeln, wirken, gelten, verrichten, vorhaben, leisten, sich MŸhe geben,  II) 1) sich od. fŸr das Seinige etwas schaffen, machen, bewerkstelligen, erzeugen, bauen [45]

Das, was durch Arbeit geschaffen werden konnte, wurde vielmehr zum Ausgangspunkt immer neuer Arbeit gemacht,[46]

....

[ad libitum]

 

 



[1] Abraham a Sancta Clara: Etwas fŸr alle [WŸrzburg 1699, o.S.], in: Abraham a Sancta Clara 1986, 16.
[2] Po‘t, Po‘terey, in: Georg Philipp Harsdšrffer 1653, 377f.
[3] Michelle Grangaud 1998, 37f.
[4] Gertrude Stein [1933] 1966, 243.
[5] Michelle Grangaud 1998, 37f.
[6] Ernst Herbeck 1992, 103.
[7] Michelle Grangaud 1998, 37f.
[8] Unica ZŸrn: Das ist ein Anagrammgedicht [*1960], in: Unica ZŸrn 1988, 92.
[9] Michelle Grangaud / Stefan Barmann 1998, 38.
[10] Ludwig Wittgenstein [1921] 1963, 97.
[11] Michelle Grangaud / Stefan Barmann 1998, 39.
[12] Stefan Barmann in: Grangaud/Barmann 1998, 39.
[13] Georg Philipp Harsdšrffer 1653, 72.
[14] Grangaud/Barmann 1998, 41.
[15] Grangaud/Barmann 1998, 37.
[16] Georg Philipp Harsdšrffer 1653, 72.
[17] Michelle Grangaud / Stefan Barmann 1998, 37.
[18] Ludwig Wittgenstein [1921] 1963, 97.
[19] Michelle Grangaud / Stefan Barmann 1998, 37.
[20] Ludwig Wittgenstein [1921] 1963, 97.
[21] Georges Perec 1985, 12.
[22] Marianne Fritz 1985, 8.
[23] Brigitta Falkner 1998, [Titel]
[24] Duden (7) 1999, 3303.
[25] Duden (7) 1999, 3325.
[26] Deleometer 2008, i.
[27] AndrŽ Thomkins, zit. in: Elfriede Czurda 1995, 105.  

 

[3] ME: Dramenbleche, 2005 ff.

[4] ME: Dramenbleche, 2005 ff.

[5] ME: Nummernbleche, 2006 ff.

[6] ME: Automagics, 2007 ff.

[7] ME: Automagics, 2007 ff.

[12] ME: I am Gerhard Richter, Litanei #7, 2011.

[28] tongue tongue hongkong 1997a, 11f.
[29] Michael Endlicher 2009, i.
[30] tongue tongue hongkong 1997a, 12.
[31] Eva S.-Sturm 1996, 78.
[32] tongue tongue hongkong 1997a, 12.
[33] Walter Benjamin 1996 33 [*1935/36].
[34] Brigitta Falkner 2001, 99, (XV/32 + XV/34).
[35] Bericht von Phillippe Fleury in: Anne Rambach / Marine Rambach 2001, 93f.
[36] Brigitta Falkner 2001, 99, (XV/32 + XV/34).
[37] Manfred FŸllsack 2002, 46.
[38] Brigitta Falkner 2001, 99, (XV/35).
[39] Manfred FŸllsack 2002, 46.
[40] Brigitta Falkner 2001, 99, (XV/35).
[41] Manfred FŸllsack 2002, 46.
[42] Christian Reder: Michael Endlicher: Linguistic Turns, 2005, i.
[43] Benseler 1994, 641f.
[44] Oswald Egger 1999, 173.
[45] Benseler 1994, 641f.
[46] Manfred FŸllsack 2002, 46.

aus: Lucida Console (cum Endlicher), S. 223-225 und 243-246, ND 2004 ff.

 

Text für Michael Endlichers neue Ausstellung "Its the poetry, stupid!", ab 24. April 2014 in 1010 Wien, Sonnenfelsgasse 6, GPL.

liegt als "poetologisches Kontextpapier" in zwei Varianten, als "Herrenstreiferl" (gelb) und "Knechtsstreiferl" (weiß)

zur Mit- und Wegnahme auf.

 

Streiferl mit > Freund Mops 1 im Dunkeln mit Lichtluke 2 und Bodensatz 3:

me mops streiferl

1: Sprechinterventionsmaschine "Ottos Mops" von Christoph Freidhöfer und Paul Gründorfer

2: Lichtluke der Galerie Peithner-Lichtenfels

3: Bodensatz von Michael Endlicher

 

Der Mops und sein Freund Streiferl im Schatten seiner Väter:

mops vaeter

 

Arbeit am Bodensatz: Knecht Endlicher mit Mop ohne s beim wisch-und-weg:

knecht mit ohne 20