Finkenschieber

Finkensteiner Rechenschieber

Beitrag für die Wanderausstellung PULL:FAKTOR Festzug der Tiere des UNIKUM durch Südkärntner Gemeinden im September/Oktober 2020 anlässlich des 100. Jahrestages der Kärntner Volksabstimmung am 10. Oktober 1920.

›› 29 09–02 10 2020 | Bad Eisenkappel/Železna Kapla | Kirchplatz/Cerkveni trg

›› 06–13 10 2020 | Klagenfurt/Celovec | Alpen-Adria-Universität

›› 16–23 10 2020 | St. Johann im Rosental/Šentjanž v Rožu | k&k Center

›› 24 & 25 10 2020 | St. Jakob im Rosental/Šentjakob v Rožu | Farovž/Pfarrhof

Mitwirkende | Sodelujejo: Uwe Bressnik, Natalie Deewan, Niki Meixner, Paulina Molnar, Gerhard Pilgram, Josef Populorum, Nika Špan & Kruno Stipešević, Nataša Sienčnik, VADA (Yulia Izmaylova & Felix Strasser), Hannes Zebedin, UNIKUM, zweintopf

 

gewählter Ort: Fürnitz / Finkenstein, mit dem großen Verschiebebahnhof Villach-Süd

gewähltes Wappentier: Stieglitz / Distelfink

stieglitz

 

Der Stieglitz, auch Distelfink genannt, ist mit seinem gelb-rot-weißen Gefieder der idealtypische Kärntnervogel*. Zehn mal zehn Finken sitzen auf dem Finkensteiner Rechenschieber, kurz Finkenschieber, und bilden eine Statistische Skulptur** zur Kärntner Volksabstimmung. Die bunt gescheckten Unikate sind interaktiv manipulierbar, wie die Güterwaggons auf dem Verschiebebahnhof von Fürnitz bei Finkenstein. Die aus geschreddertem Plastikabfall gegossenen Vögel stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien und zwitschern das Lied von Internationalismus und Transkulturalität. Sie sind eine Sonderanfertigung der Plastikrecycling-Kooperative Minipogon in Belgrad, die 2017 in einem Flüchtlingslager gegründet wurde und dort regelmäßig Workshops unter dem Motto: »Towards equality through collaborative productive work« abhielt.
 

* analog zu den Farben der Kärntnerfahne:

fahne


Lišček, poznan tudi pod imenom štigelc, je s svojim rumenim, rdečim in belim perjem idealna vrsta koroške ptice. Desetkrat deset ščinkavcev sedi na bekštanjskem logaritmičnem računalu ali na kratko »bekštanjalu« in tvori statično skulpturo na kor
oški plebiscit. S pisano lisastimi unikati je mogoče interaktivno manipulirati, kot na primer s tovornimi vagoni na ranžirni postaji v Brnci pri Bekštanju. Ptice, ulite iz zdrobljenih plastičnih odpadkov, izvirajo iz nekdanje Jugoslavije in žvrgolijo pesem internacionalizma in transkulturalizma. Po naročilu jih je izdelala kooperativa za recikliranje plastike Minipogon v Beogradu, ki je bila leta 2017 ustanovljena v begunskem taborišču in je tam redno izvajala delavnice pod geslom: »Towards equality through collaborative productive work«. (Übersetzung ins Slowenische: UNIKUM)

 

Finkenschieber WIese St. Johann im Rosental 16.10.2020
finkenschieber eisenkappel Eisenkappel 29.9.2020

Anhand eines Rechenschiebers, des sogenannten Finkenschiebers, können die Abstimmungsergebnisse aus den ausgewählten 10 Südkärntner Gemeinden nachvollzogen werden. Auf zwei gegenüberstehende Rahmen mit jeweils 5 horizontalen Metallstäben werden jeweils 10 Finken geschoben, insgesamt also 2 x 50 = 100 Finken. Jeder Vogel steht für 10 % der (gerundeten) Abstimmungsergebnisse – links die Stimmen für Österreich, rechts für Jugoslawien. Am Rand des jeweiligen Gleises dieses Zugvogelverschiebebahnhofs werden die Namen der 10 Gemeinden ausgeschildert.

Finkenschieber 10 Gemeinden

Diese fahrbare Statistische Skulptur aus 100 Unikaten funktioniert wie eine dreidimensionale Schautafel** und ist somit für einen von Ort zu Ort fahrenden Konvoi besonders gut geeignet.

 

Legende

 

** Historischer Verweis auf ISOTYPE:

Kurz nach der Zeit der Volksabstimmung, nämlich ab Mitte der 1920er Jahre, wurden ähnliche Schautafeln durch die Protagonisten der Wiener Methode der Bildstatistik (später ISOTYPE) verwendet, um gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge mithilfe formal reduzierter Symbole (Piktogramme) visuell eindrücklich nachvollziehbar zu machen. Dabei sollten sich die Aussagen dieser frühen Infografiken Fachleuten wie nicht gebildeten Personen gleichermaßen intuitiv vermitteln und zum Nachdenken darüber einladen. Das 1925 von Otto Neurath gegründete Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum nutzte u.a. auch Warteräume einer Versicherungsanstalt, um die "Demokratisierung des Wissens" auf spielerische Weise zu befördern.

 

Finkenschieber 10

Finkenschieber 13

Finkenschieber Detail

Finkenschieber Detail 3

Finkenschieber Detail 5

Finkenschieber 19

Finkenschieber 18

st. jakob

Letzte Station in St. Jakob im Rosental, das Gras ist in dem einen Monat schon etwas gewachsen.

st jakob 2

st jakob ensemble

 

Entwurf / Stand November 2019

NB: Einige der (vom Unikum nicht nach ihrer Repräsentativität hinsichtlich des Abstimmungsergebnisses) ausgewählten 10 Gemeinden wurden im Laufe der Vorbereitungen gestrichen, andere kamen dazu. Nachdem die Wanderausstellung schließlich auch in St. Johann im Rosental (Gemeinde Feistritz im Rosental) Station machte, wurde am zweiten Rechenschieber der Ort Feistritz bei Bleiburg gegen Feistritz im Rosental ausgetauscht. Als Gegengewicht zu Schwabegg (2:8) musste auch Griffen (8:2) dabei bleiben, um das prozentuelle Verhältnis der Stimmen = Finken – 6 : 4 – auf beiden Seiten des Finkenschiebers zu erhalten.

finkenschieber 1

gesamt: 60:40

finkenschieber 2

gesamt: 58:42

 

Karte: Abstimmungsgebiete für die Volksabstimmung in Kärnten am 10. Oktober 1920, Quelle: wikipedia commons

Von UNIKUM [ursprünglich] ausgewählte Orte / Gemeinden im ehemaligen Abstimmungsgebiet:

Fürnitz (= Finkenstein) – Rosegg – Waidisch – St. Kanzian – Eisenkappel – Mittlern (= Eberndorf) – Griffen – Feistritz ob Bleiburg – Schwabegg – Pudlach (= Leifling)

abstimmungsgebiet

Karten: Abstimmungsgebiete für die Volksabstimmung in Kärnten am 10. Oktober 1920 + Ergebnis der Volksabstimmung nach Gemeinden. Eigenes Werk, based on Kärntner Volksabstimmung 1920 by Verlag Christian Brandstätter, Wien - Historischer Atlas. Quelle: wikipedia commons

 

legende 1Legende2


Distrikt A: Rosegg
Distrikt B: Ferlach
Distrikt C: Bleiburg
Distrikt D: Völkermarkt

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . Distrikt . . . . . . Österreich . . . . SHS . . . . gesamt . . . . Ö : SHS in % . . . . Finken

Rosegg . . . . . . . . . . . . . . . A . . . . . . . . 189 . . . . . . . . .141 . . . . 330 . . . . . . . = 58:42 . . . . . . . 6:4
Griffen . . . . . . . . . . . . . . . . D . . . . . . . . 1290 . . . . . . . 380 . . . . 1670 . . . . . . = 78:22 . . . . . . . 8:2
Schwabegg . . . . . . . . . . . . C . . . . . . . . .57 . . . . . . . . . 180 . . . . 237 . . . . . . . = 24:76 . . . . . . . 2:8
St. Kanzian . . . . . . . . . . . . C . . . . . . . . . 350 . . . . . . . . 295 . . . . 645 . . . . . . . = 54:46 . . . . . . . 5:5
Fürnitz (> Latschach)* . . . A . . . . . . . . . 228 . . . . . . . . 410 . . . . 638 . . . . . . . = 35:65 . . . . . . . 4:6
Mittlern (> Eberndorf)** . . C . . . . . . . . . 968 . . . . . . . . 493 . . . . 1461 . . . . . . = 66:34 . . . . . . . 7:3
Eisenkappel . . . . . . . . . . . . C . . . . . . . . . 367 . . . . . . . . 177 . . . . 544 . . . . . . . = 67:33 . . . . . . . 7:3
Feistritz/Blbg. . . . . . . . . . . C . . . . . . . . . 339 . . . . . . . . 633 . . . . 972 . . . . . . . = 35:65 . . . . . . . 4:6
Pudlach (> Leifling)*** . . . . C . . . . . . . . . 277 . . . . . . . . 374 . . . . 651 . . . . . . . = 43:57 . . . . . . . 4:6
Waidisch (> Ferlach)**** . . B . . . . . . . . . 1235 . . . . . . . 471 . . . . 1706 . . . . . . = 72:18 . . . . . . . 7:3
————————————————————————————————————————————————
gesamt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5300 . . . . . . . 3554 . . . 8854 . . . . . . = 59:41 (!) . . . . . 6:4

 

 
 
 
* Gemeinde Finkenstein lag nur zur Hälfte im Abstimmungsgebiet (?), d.h. zwei Gemeindeteile Latschach + Drau ?
** Gemeinde Eberndorf
*** Gemeinde Neuhaus, bestand bis 1959 aus zwei getrennten Gemeinden Leifling + Schwabegg
**** Gemeinde Ferlach

zitiert nach:

volksabstimmung zahlen

aus: "Freie Stimmen", Süddeutsch-alpenländisches Tagblatt, Deutsche Kärntner Landeszeitung, Klagenfurt, 14. Oktober 1920, S. 6, online einsehbar unter: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=fst&datum=19201014&zoom=33

 

Technische Durchführung:

 

Ein kleiner Spielzeug-Stieglitz aus Blech stand Modell, ...

Blechvogel

... wurde per 3D-Scan vergrößert und etwas gestaucht:

Modelle 1

Modell 1) 20 cm lang, Modell 2) 22 cm lang

Modell kopfueber

3D-Druck aus PLA (Polylactic Acid = Milchsäure)

Modell arrived Foto: Minipogon

Das kleinere Modell landete, eingebettet in roten, gelben und weißen Plastikabfall=rohstoff ...

KanisterKanister rot weiss

plastic lids

 

bei der Plastikrecycling-Kooperative MINIPOGON in Belgrad.

> vgl. den Artikel über Minipogon "Plastikrecycling im Flüchtlingslager" von Jänner 2019.

(Werkstattfotos: Minipogon)

Gussform

Dort wurde eine dreiteilige Gussform gebaut, die auf einen Spritzgussapparat ("extruder-injector") aufgeschraubt werden kann. Besonders kompliziert: die Fußringe mit der quadratischen Ausnehmung für die Eisenstäbe.

Dann ging es an die Arbeit: Geeigneten Plastikabfall in den geforderten Farben sammeln, waschen, zerkleinern, schreddern.

Die Gussform an den Apparat anschrauben, geschreddertes Plastik in den Trichter einfüllen, das im Apparat erhitzte, schmelzende Plastik schließlich mit dem Hebel in die Gussform einspritzen, erkalten lassen, die Form abnehmen, den frisch gegossenen Vogel herauslösen, nachbearbeiten und nochmal von vorne – insgesamt über 100 mal.

Finkenproduktion: Vahida Ramujkić, Tijana Cvetković

 

12 birds

Die ersten 12 Vögel. Im Hintergrund die zeitgleich produzierten Baracken (des Flüchtlingslagers im Belgrader Außenbezirk Krnjača, wo Minipogon von 2017-2019 seine Werkstatt aufgeschlagen hatte), ihrerseits in den serbischen Nationalfarben (rot – weiß – blau) gehalten. "Minipogon: specializes in barracks & birds!"

birds parliament

"Birds' Parliament: birds having a chat before heading north" ( > Minipogon's day-to-day blog )

armee
Finkenarmee
flotilla

100 !

Finken WIen

40 ! Die erste Lieferung ist in Wien gelandet und hat sogleich Aufstellung genommen.

Finken Lieferung 2

Zweite Lieferung: 41-99, ein Vogel ist an der Grenze hängen geblieben ...

Lieferung 3

Der 100. Vogel (Reservevogel "the concrete one") ist in Wien gelandet!

 

 

 

 

Der Kärntnervogel spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist:

 

zwieschnabel

mehrsprachiger Kärntnervogel

gruenschnabel

einsprachiger Kärntnervogel

 

 

stimmzettel

Propagandaplakat mit Abbildung der beiden Stimmzettel
(Bild: Kärntner Landesarchiv)

 

Technische Daten:

 

 

Konzept und technische Skizzen: Natalie Deewan

Scan + Vorbereitung 3D-Modell: 3DEE Store, 1050 Wien

Produktion der finalen Gussform sowie von 100 Vögeln aus recyceltem Plastik: Minipogon, Plasticrecycling Coop., Belgrad

Produktion der Beschriftungstafeln: Werbetechnik Roither, Klagenfurt

Rahmenbau und Endmontage: Natalie Deewan und UNIKUM (Gerhard Pilgram, Niki Meixner) mit Unterstützung der Tischlerei der Sozialen Betriebe Kärnten

div. Transporte: Afzaal Deewan & friends

 

Aufsicht

Rahmen Skizze